03/3/2009 Der twitternde Wolf

Auf dem Gebiet der sozialen Netzwerke war 2008 wohl das Jahr von Twitter, einem System welches es Nutzern und Nutzerinnen ermöglicht kurze, auf 140 Zeichen beschränkte, persönliche Statusupdates (so genannte "Tweets") zu veröffentlichen. Auf den ersten Blick wirkt diese Form des Micro-blogging als verhältnismäßig nutzlos und kindisch. Was hat man schon davon, wenn man weiß, dass eine ehemalige Arbeitskollegin gerade auf dem Weg ins Kino ist oder dass ein Schulkollege, den man seit Jahren nicht mehr persönlich getroffen hat, heute nicht schlafen konnte weil er gestern zu viel gegessen hat? Wenn ich daher im Rahmen von diversen Veranstaltungen Lehrern und Lehrerinnen davon erzähle, dass ich seit einige Monaten intensiv twittere, ernte ich zumeist Reaktionen zwischen neugieriger Verwunderung und einem gewissen Maß an freundlicher Fassungslosigkeit.

Was also macht die Faszination von Twitter aus? Die eigentliche Bedeutung dieses Systems liegt darin, dass man darüber sehr einfach so genanntes "bridging social capital" aufbauen und verwalten kann. Dieses von Robert D. Putnam in seinem 2000 erschienenen Buch "Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community" dargestellte soziologische Konzept beschreibt den Wert jenes persönlichen Netzwerkes, welches heterogene gesellschaftliche Gruppen zu überbrücken imstande ist. Wenn ich twittere, so erreiche ich mit meinen Tweets Personen, die ich anders in der Regel nicht auf einer derartig persönlichen Ebene erreichen könnte. In meinem Fall sind das insbesondere Kollegen und Kolleginnen die an anderen Universitäten arbeiten und forschen. Twitter ermöglicht es mir, mit Bekannten in LA und Boston in ähnlicher Weise zu interagieren wie ich es mit den Kollegen und Kolleginnen der eigenen Universität etwa während des Morgenkaffees mache.

Nun gibt es weite Bereiche der Gesellschaft, die kaum oder auch gar kein bridging social capital besitzen und darüber hinaus keine Notwendigkeit sehen, sich ein solches aufzubauen. Diesen Personen wird die Sinnhaftigkeit von Twitter auch weiterhin ein Rätsel bleiben. Im Gegensatz dazu gibt es aber immer größer werdende Bevölkerungsgruppen, deren persönliches oder auch berufliches Umfeld sich über die Verwaltung von bridging social capital definiert. Dazu gehören diverse medienaffine Jugendkulturen, aber zum Beispiel auch Professionalisten und Professionalistinnen aus dem Bereich der Massenmedien. Letztere insbesondere deshalb, da sie einen Beruf ausüben dessen Hauptziel es ist, heterogene gesellschaftliche Gruppen medial zu erreichen. In diesen Bereich fällt zum Beispiel Armin Wolf, beliebter Moderator der österreichschen Nachrichtensendung ZiB2.

Seit einigen Wochen twittert nun Armin Wolf überaus fleißig zu Themen, die sein direktes berufliches Umfeld betreffen. So erfährt man zum Beispiel, dass er sich gerade für ein Interview vorbereitet oder warum gewissen Experten in das Studio eingeladen werden und andere nicht. Armin Wolf geht aber noch zwei Schritte weiter. Zum einen benutzt er Twitter als den dem Fernsehen eigentlich fehlenden Rückkanal. Über Twitter werden im Vorfeld der Sendung mitunter mögliche Interviewfragen diskutiert. Auch das eine oder andere YouTube Video hat es über Vorschläge aus der Twittergemeinschaft bereits in die ZiB2 geschafft. Was mich persönlich allerdings besonders fasziniert sind seine Versuche, direkt aus der Sendung zu twittern. Denn auf diese Weise erhält der Zuseher oder die Zuseherin plötzlich die Möglichkeit mit Armin Wolf als Moderator der ZiB2 während der Sendung auf eine Weise zu interagieren als wäre er im selben Raum. Diese direkte Form der Medienpartizipation erzeugt eine ungemein starke emotionale Bindung an das Medienformat.

Der traditionellen ZiB2 Seherschaft, die in der Regel nur wenig mit partizipativen Medien und sozialen Netzwerksystemen anfangen kann und will, bleibt diese Parallelwelt großteils verborgen. Man sieht nicht, dass Armin Wolf twittert. Er macht damit seine Nachrichtensendung zu einem Format, welches sowohl in partizipativer als auch in rein nicht-partizipativer Form konsumiert werden kann. Diese konsequente Trennung ist ausgesprochen selten. Vergleichbare Ansätze wie sie etwa bei CNN zu finden sind vergessen meiner Meinung nach zu oft, dass es einen nicht unerheblichen Anteil an Sehern und Seherinnen gibt, der durch die kontinuierliche Aufforderung zur Partizipation eher gestört denn gebunden wird. Die aus welchen Gründen auch immer bedachte aber dennoch konsequente Herangehensweise des Armin Wolf empfinde ich daher als weit spannender. Man kann nur hoffen, dass im ORF die eigenen Innovationen auch als solche erkannt werden.


04/4/2008 myspace bildet Allianz gegen itunes

Endlich hat sich die Menschheit daran gewöhnt, dass die Erde keine Scheibe ist sondern eine Kugel und nun wird sie auch schon zur Google ;-).

Pünktlich zur Googlevision die Gegenmeldungen: myspace bildet Allianz gegen itunes

iTunes für alle...und was apple nicht dagegen machen kann

das Netz sind wir WIR! (man muss es nur wissen). Die Erziehung zu mündigen, kritischen Medienprosumenten wird für die Zukunft entscheidend sein.

 



08/1/2007 Gemeinsam Einsam - Soziales Kapital im Netz

Auf dem reticon review findet man einen Kommentar zum Artikel von Alex Rühle "Kapitaler Freundeskreis" in der SZ vom 05.01.2007
Dabei werden der Verkauf des Online Portals StudiVZ im Spannungsfeld von sozialem und Marktpotenial analysiert. Natürlich dürfen dabei Thesen des amerikanischen Soziologen Putnam http://www.bowlingalone.com/ nicht fehlen.
Das Statement endet mit einem Entweder - Oder:
Das Netz kann mit all seinen prothetischen sozialen Interaktionsmöglichkeiten (Mail, Form, Chat, Blog, Kommentarfunktionen, social Software etc.) Menschen zusammmenbringen, es kann eine intensive und dichte Kommunikation ermöglichen - es ersetzt aber eben nichts das persönliche Gespräch, die durch reale Akte in der realen direkten Interaktion erzeugte und sich ihrer selbst versichernde soziale Beziehung.

Netzwerke sind gekennzeichnet durch dezentrale Strukturen und flache Hierarchie und haben sich im lokalen Raum, besonders im informellen Sektor, über Jahrhunderte bewährt (vgl. dazu Manuel Castells 2005). Durch die technologischen Innovationen der letzten Jahrzehnte und der damit verbundenen Medialisierung unsere Kultur haben diese Netzwerke nun neue Reichweiten und Dimensionen erhalten. Mit der Ausdehnung des Netzes vom lokalen in den virtuellen globalen Raum öffnen sich neue Wege, um Kontaket zu pflegen und Netzwerken aufzubauen .
Es geht also nicht um ein "Entweder - Oder" sondern um Bereicherung und Erweiterung.
Um auf das Statement im Reticon zurückzukommen: Nur weil ich Kontakte und Netzwerke bis nach Australien pflege, impliziert das nicht, dass ich niemanden in meiner Umgbung anrufen kann, um auf ein Bier zu gehen.