Spickmich, Schulradar, Schüleranwalt ...
Nach spickmich.de, dem Internetportal, auf dem Schüler/innen ihre Lehrer/innen bewerten können, ist nun schulradar.de online: Hier können Eltern die beste Schule in ihrem Umkreis “ausfindig machen” - das heißt, de facto bewerten … In Österreich praktiziert ein “Schüleranwalt” auf der Homepage einer großen österreichischen Tageszeitung …
- Abgesehen von juridischen Diskussionen - was hältst du / was halten Sie von einer öffentlichen Bewertung von Bildungseinrichtungen?
- Sollen “Vorgänge aus dem Klassenzimmer”, Episoden aus dem Unterrichtsgeschehen, standortbezogene Bildungsverläufe öffentlich gemacht und besprochen werden?
- Welche Personen - außer die Lehrer/innen selbst - sind dabei an diverse Schweigepflichten gebunden?
- Was ist von allfälligen “Rankings” und “Bewertungen” zu halten?
- Welches Potential liegt in einer "aktuellen" und "dynamischen" Beleuchtung von Bildungseinrichtungen - noch dazu, wenn diese im Web abläuft?




Kommentare
Als direkt Betroffenen (Mutter eines schulpflichtigen Sohnes) begrüße ich solche Portale und zwar aus folgenden Gründen:
Qualitätssicherung und Transparenz:
Ich habe in meiner eigenen Schullaufbahn und in der meines Sohnes viele gute und engagierte und auch viele absolut ungeeignete Lehrpersonen erlebt. Da es im Lehrerberuf nicht wie in der freien Wirtschaft, Zielvereinbarungen und Zielsetzungen und damit verbundene Konsequenzen gibt, denke ich, dass eine öffentliche Evaluierung ein Instrument zur Qualitätssicherung darstellen kann. Natürlich wäre es dann in der Folge begrüßenswert wenn mit diesen Ergebnissen weitergearbeitet wird, aber auch so ist es für Eltern ein Anhaltspunkt, außerdem ist auch eine Vernetzung schulübergreifend möglich. Vielfach wechseln bei Problemen SchülerInnen oder LehreInnen ja nur die Schule und dann beginnt wieder alles von vorne.
Lehrer als Coach und Berater und weniger als Zensor und Stoffvermittler:
Gerade wenn wir vom lebenslangen Lernen sprechen wird ja die Rolle des Lehrers mehr als Moderator und Coach definiert. Im Web 2.0 verflachen sich Hierarchien bzw. sollten sich verflachen. Aber wie geht das? Man kann nicht Strukturen, die über Jahre verfestigt sind, top down verordnen. Dazu benötigen wir genau solche Instrumente!
Feedback jenseits einer Fehlerkultur: In unserer Bildungskultur wird Feedback durchwegs mit Kritik und Zensur gleichgesetzt. Vielfach ersetzt eine Ziffernnote ein differenziertes Feedback. Im Sinne eines konstruktivistischen Lernparadigmas sollte aber ein Feedback dazu dienen, eigene Lernwege zu überdenken, neue Ideen und Gedankengänge einfließen zu lassen und somit eigene Lösungsmöglichkeiten zu (re)konstruieren. In unserem Schulalltag ist dies praktisch nur einseitig möglich, optimal würde ich daher ein gegenseitiges differenziertes Feedback basierend auf vielfältigen Aussagen finden und von einer reinen Ziffernbewertung absehen. Es sollte also weniger um ein gegenseitiges „Anprangern“ gehen, sondern um Evaluation als Chance zur Weiterentwicklung.
Manche Lehrpersonen machen das ja schon, indem sie sich einer öffentlichen Diskussion im Web über Ihr eigenes Weblog stellen, aber es sind halt nur wenige.
Begrüßenswert finde ich auch wenn die gesamte Struktur von Bildungseinrichtungen evaluiert wird, z.B. wie kann man mit LehrerInnen in Kontakt treten? Wie schaute es mit der Information an die Eltern aus? Welches Mitspracherecht haben Eltern? Welches Mitspracherecht haben SchülerInnen? Inwiefern werden Gesetze, Weisungen umgesetzt? Wie sieht die Genderverteilung aus? Durchschnittlicher Lehrerinnenwechsel, Z.B. in der Volksschule (wo eigentlich eine durchgehende Lehrperson vorgesehen wäre..? ) Wie kann man die Struktur generell einstufen: Hierarchisch, Demokratisch, etc…
Zur Zeit vermisse ich einige wichtige Merkmale für eine tragfähige Entwicklung:
1. Wer "coacht" die Personen, die ihre Meinung publizieren? Sollen gut geführte Diskussionen moderiert werden, zur Veröffentlichung gedachte Beiträge nicht redaktionell betreut werden?
2. Wo liegen die Grenzen zwischen öffentlicher Diskussion einerseits und Schweigepflicht andererseits in Hinblick auf konkrete Bildungsvorfälle?
3. Welcher Mediationsprozess findet bei kontroversiellen Standpunkten und - vor allem - bei Entscheidungvorgängen zwischen Bildungssystem/Schule und Kunden/Eltern/Schüler/innen-Klientel statt?
Ich glaube, wir sollten schon jetzt eine Diskussion auf einer Metaebene zu schulradar, schüleranwalt, etc. führen - zum Wohl unserer ganzen Bildungslandschaft.
Welche Animositäten haben Sie in Ihrem letzten Beitrag eigentlich gemeint? Und an welchen "längeren Hebel" haben Sie konkret gedacht? Haben Sie das Wohl der "Firma Schule" im Auge?
mfg, Alfred Nussbaumer