Fernsehen - Bilder im Kopf
Die Erstveröffentlichung des Textes erfolgte als
Kapitel e.2.1. „Das Bild im Kopf“ in der Publikation:

Benke, Karlheinz (2005):
Geographie(n) der Kinder. Von Räumen und Grenzen (in) der Postmoderne.
München: Meidenbauer: 333-339.
Karlheinz Benke, Autor des Buches, stellte uns diesen Artikel zur Verfügung.
Herzlichen Dank!
Fernsehen...
Fernsehen ist nicht zuletzt eine der Möglichkeiten, seinen eigenen Horizont zu erweitern, an den Erlebnissen und Erfahrungen der Anderen teilzuhaben und dadurch auch empathische Gedanken (gerade in einer Zeit, in der es an realen Interaktionen mangelt) entwickeln zu können Diese dienen unbestritten der Vertiefung von Kenntnissen oder Informationen und sind als solche wiederum Grundlage einer handlungskompetenten Persönlichkeit.
Fernsehkonsum für Kinder wird jedoch immer eine ambivalente Haltung hervorrufen und bereits die Einschätzung seines Einflusses als alleiniger Auslöser für kindliche Handlungsmuster und Verhaltensweisen erweist sich angesichts der dynamisch wachsenden, komplexen Medienerfahrungen als problematisch.
Bilder im Kopf
Welche Prozesse löst das Fernsehen respektive dessen Bilder im Kind und dessen Körper aus? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Beschäftigung Fernsehen?
Hier sieht der Autor Schwierigkeiten in der Verarbeitung solcher geballten Informationen. Es kommt zu einer subjektiven Vernetzung der erhaltenen Informationen, ein und dasselbe Bild erzeugt unterschiedliche Realitätskonstruktionen. Informationen werden ohne Stopp gesendet und das Kind kann nicht selbst entscheiden, wann es für die nächste Information bereit ist. Aus hirnphysiologischer Sicht bedeutet Fernsehen eine Einschränkung der Wahrnehmung und Beobachtungsfähigkeit. Kinder werden davon abgehalten, eine eigene Vorstellungswelt aufzubauen.
Eine weitere Bedeutung wird dem akustischen Raum beigemessen. Geräusche, Töne, Musik sind ausschlaggebend für die Gefühlsbindung an bestimmte Medienprodukte.
Da Bilder und Informationen so gut wie "unzensiert" ins Unterbewusstsein eindringen, kommt es zu einer Überhöhung des visuellen Systems durch die raschen und bunten Bildfolgen beim Fernsehen. Fehlende Möglichkeiten, gewonnene Eindrücke auch auszuspielen, können daher zu "Fernsehepilepsie" führen. Eine weitere Gefahr des Fernsehens sieht der Autor in der Entwicklung einer "sensoriellen Schizophrenie". Das Leben eines Menschen zeigt sich viel langsamer und viele Geheimnisse müssen erkundet werden. Das Fernsehen zeigt viele dieser Erfahrungen auf visuell-akustischer Basis, wodurch es zu Verzerrungen im Erfahrungsaufbau kommen kann.
Ein weiterer Begriff, der aufgegriffen wird, ist die symbolische Gewalt. diese wird bei Fernsehen lustvoll erlebt und in Verbindung mit Unterhaltung gebracht.
Im Sinne der Lerntheorie von Bandura ist jedoch zu den Wirkungen des Fernsehens (und im speziellen zu filmischer Gewalt) - sehr wohl differenzierend - festzuhalten, dass die individuelle Rezeption und Aufnahme immer im lebensweltlichen, raum-zeitlichen und sozialen Kontext zu betrachten ist. Dies bedeutet in Anbetracht des gegenwärtigen Medienensembles (Film, Fernsehen, Computer, Gameboy, Comics, Bücher etc.), dass „nicht alles, was beobachtet und mit einer Bedeutung versehen wird, in Handeln umgesetzt“ wird. Kinder führen im Sinne Banduras - und dies ist von größter Relevanz - ohnedies nur „aus, was sie als angemessen bewerten, und sie vermeiden, was sie persönlich missbilligen“ (Hipfl in Aufenanger 1991:133).
Die tatsächliche Anerkennung dieser Tatsache durch die Erwachsenen könnte im Sinne einer abschließenden Zielformulierung zweierlei bedeuten: zum einen ein entsprechendes Bekenntnis in das Vertrauen individueller Fähigkeiten der Kinder, zum anderen als Zugeständnis an den Glauben ihrer jeweiligen persönlichen Reife.
Nichtsdestoweniger sollte für Kinder in Bezug auf eine kritische Haltung gegenüber Denk- und Handlungsmustern, die sich aus Bilderfolgen ‘quasi-logisch’ ergeben, nach wie vor die Möglichkeit eines Austauschs mit Erwachsenen bzw. zum individuellen Rückzug gegeben sein, um diese auf kognitiver Ebene verarbeiten oder sie wenigstens auf motorischer Ebene über Aktivitäten entsprechend kompensieren zu können.




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