Den meisten Lesern und Leserinnen dieses Weblogs wird die Sendung "Richterin Salesch" ein Begriff sein. Wenn nicht, so sei hier nur kurz erwähnt, dass es sich um ein Nachmittagsformat eines privaten deutschen Fernsehsenders handelt in dem Gerichtsprozesse gezeigt werden. Dieses Format stammt aus den USA, wo in derartigen Sendungen auch tatsächlich echte Verfahren in einer auf die Bedürfnisse des Fernsehens adaptierten Weise durchgeführt werden ("People’s Court"). Ich gehe einmal davon aus, dass die europäische Rechtsordnung diese Form der rechtlichen Authentizität nicht erlauben würde. Jedenfalls sind in der deutschen Version alle Verfahren frei erfunden und von Schauspielern und Schauspielerinnen gespielt.
Das Bemerkenswerte in der deutschen Variante ist, dass die Beliebtheit der Sendung in keinster Weise mit ihrer inhaltlichen oder auch schauspielerischen Qualität in Zusammenhang zu stehen scheint. Zum Einen ist der Inhalt der Verfahren meist an allen möglichen Haaren herbei gezogen. Zum anderen ist die Qualität der schauspielerischen Leistungen, freundlich gesagt, in der Regel kaum vorhanden. Somit reduziert sich die Ziehkraft der Sendung auf das Element der Größe eines Skandals. Es geht eigentlich nicht mehr darum was passiert oder ob dies glaubhaft dargestellt wird, es geht nur mehr darum, dass etwas passiert, das unglaublicher ist als alles zuvor Passierte.
Nun muss ich an dieser Stelle klarstellen, dass dies eine durchaus legitime Form der Unterhaltung ist und ich nicht den Eindruck erwecken möchte, es handle sich hier um eine grundsätzlich negative Entwicklung, der man entgegen sollte. Ganz im Gegenteil. Die Freude am Skandal ist eine menschliche Eigenschaft die jedem Mann und jeder Frau innewohnt. Auch mir. Ohne es in irgend einer Form werten zu wollen, steht diese Sendung für mich aber stellvertretend für eine Entwicklung eines Teils der medialen Unterhaltungsformate, in der Form und Inhalt gegenüber dem Element des Skandals derartig weit in den Hintergrund treten, dass sie kaum bis gar nicht mehr vorhanden sind.
Ein Problem tritt für mich erst dann ein, wenn diese Ver-salesch-ung des Rundfunks von den Programmverantwortlichen an Stellen durchgeführt wird, in der Form und Inhalt einen nicht zu ersetzenden, zentralen Bestandteil des Sendeauftrags bilden. Dies ist insbesondere in den Informationsformaten der öffentlich rechtlichen Sender der Fall. Besonders auffällig wurde für mich diese Entwicklung in einer Sendung des WDR in der ein Zusammenhang zwischen Computerspielen und Amokläufen hergestellt werden sollte. Ich habe an anderer Stelle darüber ausführlich geschrieben.
In der Diskussionsrunde befand sich Prof. Christian Pfeiffer. Dieser ist dafür bekannt, dass er den Zusammenhang zwischen Gewalt und Medienkonsum in der Vergangenheit immer in sehr skandalisierender Form dargestellt hat. Als sich Christian Pfeiffer diesmal aber entgegen allen Erwartungen als wissenschaftlich nüchtern zeigte, schritt der Moderator lenkend ein und versuchte mit mehr oder weniger Erfolg, diese Skandalisierung bewusst herbei zuführen. Um es noch deutlicher zu sagen: es gibt meines Wissens im deutschen Sprachraum niemanden, der den Zusammenhang zwischen Computerspielkonsum und Gewalt radikaler sieht, als Pfeiffer. Ein Moderator oder eine Redaktion, die eine Diskussion über das Radikalisierungsniveau von Pfeiffer heben will, hat ganz eindeutig die Grundprinzipien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verlassen und befindet sich auf marktorientiertem Autopilot.
Nun ist es sicherlich so, dass mich dieser Vorfall aufgrund meiner eigenen wissenschaftliche Tätigkeit besonders erregt und dies der eine Leser oder die andere Leserin vielleicht nicht so dramatisch sieht. Dennoch sollte man sich bewusst machen, dass hier zugunsten einer Skandalisierung eines Sachverhalts über das inhaltlich akzeptierbare Maß eine unbegründete Verunsicherung der Zuseherschaft bewusst in Kauf genommen wurde. Für die Medienpädagogik bedeutet diese Versaleschung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eine Herausforderung, da damit natürlich die inhaltliche Validität aller öffentlich-rechtlichen Informationsangebote in zunehmendem Maße in Frage gestellt wird.