Im Vordergrund rezeptionsästhetischer Theorien steht die Frage, wie
Texte von LeserInnen aufgenommen werden bzw. wie Sinn erzeugt wird.
RezipientInnen fällt hierbei eine aktive Rolle zu, da sie sich einen
Sinn konstruieren. Da Texte aufgrund dieser Annahme offen sind und ihre
Bedeutung nicht primär vom Autor festgelegt wird, befasst sich
Rezeptionsästhetik des Weiteren mit den im Text angelegten Lesermodellen
bzw. mit den empirischen LeserInnen, wobei kulturellen und teils auch
historischen Kontexten eine bedeutende Rolle zufällt. Ausgegangen wird
außerdem von einer Vieldeutigkeit (Polyvalenz) der Texte sowie von
möglichem Missverstehen.

Wichtig im Bezug auf das Fernsehen ist, dass Texte und Bilder anhand
individueller Erfahrungen interpretiert werden. Es herrscht immer ein
Wechselspiel zwischen ZuschauerIn und Text, d.h. der/die ZuschauerIn
führt eine Art Dialog mit dem Text, wodurch dieser verändert wird.
Wichtige Aspekte des Fernsehens sind, dass Fernsehen eine aktive
Tätigkeit darstellt, dass Symbolik in den Alltag übertragen wird und
dass das Fernsehen als Sozialisationsinstanz fungiert.

Das Konsumieren von Daily Soaps stellt beispielsweise insofern eine
aktive Tätigkeit dar, da diese nicht selten zu Gesprächsthemen im Alltag
werden und sich die - größtenteils weiblichen - ZuschauerInnen aktiv
mit den dargestellten Figuren, Trends, Themen und Situationen
auseinandersetzen und sich in einigen wieder finden ("Suche nach sich
selbst"). Daily Soaps sind auch dementsprechend konzipiert -
beispielsweise durch Darstellung verschiedener Charaktere und deren
Gedanken-, Gefühls- und Lebenswelt, Haupt- und Nebenhandlungen,
idealtypischer Hauptfiguren (schlank, berufstätig, stark,
unwahrscheinlich schön, etc.).

Da Fernsehen eine wichtige Sozialisationsinstanz darstellt, wurde häufig
die Frage gestellt, ob manche Sendungen nicht zu einer höheren
Gewaltbereitschaft anregen oder aber "verblöden". Zu Ersterem sei
gesagt, dass Kinder nicht nurdurch brutale Sendungen und Spiele zu
höhere Gewaltbereitschaft neigen, sondern dass auch andere Bedingungen
bedeutend sind. Zu Zweiterem sei gesagt,dass Kinder durch das
Fernsehen sehr wohl etwas lernen können. Ein wichtiger Faktor in
diesem Zusammenhang sind allerdings die Eltern und andere wichtige
Bezugspersonen. Diese sollten wissen, was in Sendungen passiert und/oder
gemeinsam mit ihrem Kind fernsehen, um auf eventuelle Fragen eingehen zu
können und ihnen zu lehren, dass Fernsehen eine soziale Situation
darstellt, in der man über das Geschehene kommunizieren kann.